Ich bin wieder glücklich – und zwar ohne Partner!

In den Foren und Facebook-Gruppen von Hinterbliebenen lese ich oft folgende Aussage: „Vielen Dank, dass ich in dieser Gruppe sein durfte, das hat mir sehr geholfen. Heute verlasse ich diese Gruppe, denn ich bin wieder glücklich.“ Und dann kommt’s. Dann kommt der Satz, der mich immer wieder fassungslos macht:

Ich habe einen neuen Partner an meiner Seite.“

Dabei stelle ich mir immer die Frage: wieso wird das persönliche Glück so stark an das Vorhandensein eines neuen Partners geknüpft? „Liebe Dich selbst – und es ist egal wen Du heiratest“? So oder ähnlich gibt es viele Bücher und schlaue Sprüche. Ist die Selbstliebe nicht eine Grundvoraussetzung, jemand anderen zu lieben? Oder kann ich nur ich selbst sein und kann ich nur wertvoll oder vollständig sein, wenn ich einen Partner habe? 

Kann man als Hinterbliebene – als verwitwete Alleinerziehende – überhaupt wieder glücklich werden? 

Was ist überhaupt Glück und wann ist frau glücklich?

Ich sage es ganz ehrlich: eine solche Aussage macht mich ärgerlich, inzwischen schon fast wütend. Es  entsteht der Eindruck, dass man ohne Partner nicht glücklich ist. Es  entsteht der Eindruck, dass man ohne Partner nicht glücklich sein kann. Es entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die alleine sind, die Gruppe der Verdammten, der Zurückgelassenen sind, dass es ein Mangel ist, alleine zu sein und es entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die sich verabschieden, weil sie wieder einen Partner haben, etwas „Besseres“ sind (warum kann frau trotz Partner nicht in den Gruppen bleiben, oder gerade deswegen?). 

Und vielleicht ist auch ein kleines bisschen der Neid dabei, weil es scheint, dass diejenigen, die sich aufgrund des Vorhandenseins eines neuen Partners verabschieden, es geschafft haben

Es geschafft haben. Ja, was eigentlich? Was haben sie geschafft? In 87% der Fällen bleibt die Frau und der Mann stirbt. Ist es ein uralter Trigger, dass Frau vom Mann ausgewählt wird – und es deswegen geschafft hat? Oder ist es die Angst vor der Einsamkeit, wenn man zurück bleibt?

Was ist überhaupt Glück und wann ist frau glücklich?

Zunächst mal möchte ich so anfangen: Das Gegenteil von Glück ist Pech. Wir Menschen neigen dazu, nach dauerhaftem Glück zu streben und verkennen dabei vollkommen, dass Glück eine Momentaufnahme ist – genauso wie Pech. Man hat weder immer Glück noch immer Pech, aber man kann 2 Euro auf der Straße finden und Glück haben oder auf der Bananenschale auf der Straße ausrutschen und Pech haben – beides sind nur kurze Momente.

Allerdings gibt es eben auch diese kurzen Momente, die eine dauerhafte Veränderung im Leben bewirken, wie zb. der Unfalltod des Partners. Da „nur“ von Pech zu sprechen, ist sicher nicht angebracht und gegenüber der Hinterbliebenen oder dem Hinterbliebenen wenig empathisch.

Im Gegensatz zum Unfalltod wird Liebe auf den ersten Blick schon eher als „Glück“ betrachtet. Aber auch die Geburt von Kindern wird als großes Glück betitelt, auch wenn das sicher nicht für jede Frau der Fall ist (man denke an vergewaltigte Frauen oder andere ungewollte Schwangerschaften).

Aus meiner Sicht wird Glück oft mit Zufriedenheit – oder Lebensglück – verwechselt. Glück ist eine Momentaufnahme, ein kurzes Gefühl, während Zufriedenheit im Leben wohl das ist, wonach wir eigentlich alle streben. 

Verwitwet Alleinerziehend und glücklich?

Natürlich ist es nicht einfach, so alleine zu sein, mit zwei Kindern. Ich persönlich bin wirklich Allein-Alleinerziehend, ich habe so gut wie keine Hilfe in der Care-Arbeit. Das ist eine schwere Last, keine Frage – auch wenn ich natürlich meine Kinder liebe und es oft schwer ist, ihnen diese (meine) Last nicht aufzubürden.

Aber ganz ehrlich? Ich möchte nicht mit anderen Alleinerziehenden tauschen. Immer wenn ich höre, welche Probleme es da gibt – wie viele Dramen – dann bin ich eigentlich ganz froh, dass ich mich nicht mehr mit einem anderen – getrennten – Elternteil auseinander setzen muss. Dass ich alles so entscheiden kann, wie es mir passt. Dass ich niemandem mehr fragen muss. Dass niemand verabredete Termine mit den Kindern am Ende doch nicht einhält.

So gesehen… bin ich sehr glücklich, dass ich verwitwet bin. Auch wenn es bedeutet, dass ich kein Wochenende oder keine Ferien Kinder-frei habe und auch wenn wir natürlich ganz andere (finanzielle) Probleme haben…

Patchwork scheint unvermeidlich bei der Aussicht nach Partnerschaft. Frau weiß ja auch nie, welche Zusatzbelastung der andere mitbringt. Mein Mann hatte aber bereits 3 Kinder aus erster Ehe, das bedeutet, die Patchwork-Erfahrung habe ich bereits gesammelt – und sie war leider nicht besonders erfreulich für mich. 

Ist ein Leben als Hinterbliebene erstrebenswert?

Sicher nicht. Keine(r) von uns hat sich diesen Familienstand ausgesucht. Die meisten Geschichten bis zu diesem Familienstand sind gruselig, egal ob es ein plötzlicher Tod war oder eine lange Krankheit. Die große Gefahr lautet Einsamkeit. Und dennoch bietet das Alleine-Sein auch viele Chancen.

Meine ganze Geschichte kompakt in einem Buch!

Titelbild_Wenn der Tod dazwischenkommt - Von der Patchwork-Mama zur alleinerziehenden Witwe mit zwei Kindern

Wenn der Tod dazwischenkommt

Von der Patchwork-Mama zur alleinerziehenden Witwe mit zwei Kindern

Meine ganze Geschichte in einem Buch kannst Du bald in der Buchreiche „Allein mit Kind“ mit und von Silke Wildner von www.gut-alleinerziehend.de lesen.

Glücklich durch soziale Netzwerke?

Der Mensch ist ein soziales Wesen, wir brauchen soziale Netzwerke – offline und online. Ich persönlich bin auch der Meinung, dass wir Gleichgesinnte brauchen – und zwar in jeder Lebensphase. Denn Gleichgesinnte bieten durch den Erfahrungsaustausch unfassbar viel gegen Einsamkeit und stärken dadurch den eigenen Lebensweg immens. Das war jedenfalls bei mir so. Und hier kommen Facebook & Co. massiv zum Einsatz, denn wo ist es leichter, schneller und unkomplizierter, Menschen kennen zu lernen, die ähnliche haarsträubende Schicksale erlebt haben?

Ich persönlich habe tatsächlich viele meiner heutigen Freundinnen und lieben Bekannte durch meine eigene Facebook-Gruppe Gerechte Hinterbliebenenrente oder durch Instagram kennengelernt. Auch mein Buch schreibe ich über die Online-Bekanntschaft mit Silke Wildner von gut-alleinerziehend. Diese vielen lieben Menschen sind eine solche Bereicherung in meinem Leben – ich möchte sie niemals missen, auch wenn ich noch nicht alle persönlich kennenlernen konnte. 

Um den vollen Wert des Glücks zu erfahren, brauchen wir jemanden, um es mit ihm/ihr zu teilen

Die meisten Menschen können sich deswegen ein Leben ganz ohne Beziehung nicht vorstellen. Beziehungen sind wesentlicher Bestandteil unseres Daseins. Aus meiner Sicht muss der Mensch, mit dem man sein Glück teilt, nur nicht zwingend ein (sexueller) Lebens-Partner sein. Warum suchen wir das absolute Glück nur in einer Person?

Natürlich ist es schön, verliebt zu sein, natürlich ist es schön, einen gemeinsamen Weg zu teilen (oder zumindest die Vorstellung davon). Und natürlich ist es schön, wenn frau im Alter auf ein langes, glückliches, gemeinsames Leben zurückblickt. Aber, mal ganz ehrlich? Wie viele Paare erleben das? Und wie viele Paare scheitern auf dem Weg? Bei wie vielen der gescheiterten Paaren ist die Zeit nach der Trennung mehr als ein Rosenkrieg? Ist es das alles wert? 

Partnerschaft anders gedacht – und damit glücklich?

Ich persönlich bin (derzeit) nicht auf der Suche nach einer Partnerschaft – nach der Liebe fürs Leben – nach einem Mann, ohne den ich nicht leben kann (Gott bewahre!!!). Gerade habe ich mich erst von all den Problemen „freigeschaufelt“ , die mein Mann in unser Leben gebracht hat, gerade geht es uns richtig gut – da will ich auf keinen Fall neue Probleme, neue Katastrophen, (oder wie die liebe Karin immer sagt:) neue Dramen in unser Leben lassen. Das Leben als Allein-Alleinerziehende ist wirklich anstrengend genug. Und zum Thema Care-Arbeit: ich brauche auch auf gar keinen Fall einen neuen Mann, um den ich mich letzten Endes auch noch kümmern muss (sorry, Männer, aber so ist es doch oft). Oder um dessen Kinder ich mich kümmern müsste – das hatte ich schon. Nein, danke. Dafür habe ich keine Energie mehr. 

Ich brauche keinen Mann in meinem Haus, ich brauche keinen Vater für meine Kinder, ich brauche keinen Versorger mehr, ich brauche auch niemanden für andere Dinge… Ich komme gut klar – und das ist eine wunderbare Einsicht. Oder wie Silke Wilder einmal sagte: „Ich wurde noch nie so stark geliebt wie von mir selbst!“

Was ich mir allerdings vorstellen könnte, ist einen Vertrauten in meinem Leben zu haben. Jemanden, mit dem ich mein Leben und meine Sorgen und meine Freude teilen kann, ohne gleich zusammen zu ziehen, ohne gleich zu heiraten und bis ans Ende des Lebens ein (sexuelles) Paar zu sein – und zwar ohne Stiefpapa oder Stiefmama zu werden. Ich hätte gerne einen FREUND. Das könnte ich mir als Beziehung gut vorstellen. Für mehr habe ich auch keine Zeit – und keinen Raum. Zumindest derzeit nicht. Zumindest, solange meine Kinder nicht aus dem Haus sind. 

Glücklich durch die eigene Lebensplanung?

Unsere kleine Familie ist schwer gebeutelt. Zehn sehr schwere Jahre liegen hinter uns. Da war eigentlich alles drin: eine unerfüllte Ehe mit Stiefkindern, ein katastrophaler Hausbau, Krankheit, Tod, Verlust von Familie(n), Heim, Haus, Job, Existenzängste, Depressionen, Einsamkeit, Alleinerziehend-Sein, Umzüge, Corona und vieles mehr (nachzulesen in meinem Buch). Glück war auch an ein paar Stellen dabei, zb. bei der Suche nach Paten für die Kinder, oder bei der Auswahl der Kindertrauergruppe vom Kinderhospizdienst Amalie in Zusammenarbeit mit der Sonja Reischmann Stiftung. Heute ist mein Mann seit über sieben Jahren tot. Das Leben ist heute vollkommen anders als jemals gedacht und der Weg hierher war (viel zu) steinig. Was nehme ich mit?

Träume nicht Dein Leben, sondern lebe Deinen Traum

Solange man weiß, was der eigene Traum ist… In meinem Leben hat sich der Traum vollkommen verändert. Von der gesellschaftlich gut situierten Unternehmer-Patchwork-Mama zur verwitweten Alleinerziehenden ohne familiären Anschluss. Dennoch lebe ich heute vermutlich mehr meinen Traum als jemals zuvor. 

Ich habe meine Stärken besser kennengelernt und weiß viel mehr was ich kann und wer ich bin. Das gibt mir die Kraft, gezielt und ausschließlich auf meine Bedürfnisse eingehen zu können (und natürlich auf die Bedürfnisse meiner Kinder), als das ein Mann oder ein Partner jemals getan hat und tun könnte. Mein Grundbedürfnis ist Sicherheit – und so dreht sich in meinem Leben heute sehr viel um Finanzen. Ich habe meine Finanzen gut im Griff, lerne jeden Tag hinzu und gebe mein Wissen gerne weiter. Das macht Freude, ist ansteckend und letztendlich nicht nur für mich sehr bereichernd. Ich kann mein Leben ganz nach meinen Bedürfnissen ausrichten – und das ist letztendlich ein Traum, den ich lebe und viele Menschen nur träumen können. 

Ich bin endlich angekommen – in meinem Leben. Das ist mein Leben. So kann es weiter gehen. So soll es weitergehen. Für nichts in der Welt würde ich das eintauschen. Auch nicht für eine Partnerschaft. Denn Zweisamkeit geht auch ohne diese ganzen Abhängigkeiten, zumindest träume ich davon. 🙂 

In der Facebook-Gruppe Gerechte HinterbliebenenRente findest Du Hilfe und Gleichgesinnte:

Weiterführende Links

Das Witwensplitting ist ein steuerliches Thema und entlastet Betroffene im Jahr des Todes und im darauffolgenden Jahr. Hier kannst Du nachlesen warum das so ist. 

Mehr über die Rentenarten gibt es hier.

Mehr über die Einkommensanrechnung gibt es hier

Wusstest Du, dass auch die HinterbliebenenRenten steuerpflichtig sind?

Wie ist Dein Hinzuverdienst Witwenrente 2023? Unter dem Menüpunkt Download findest Du eine Excel-Tabelle, mit der Du ganz leicht selbst ausrechnen kannst, ob oder in welcher Höhe die Kürzungen der Witwenrente für Dich ausfallen.

 

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